Caduceus

 

Äsculapstab und Caduceus
Fast ebenso bekannt wie der Hippokratische Eid ist das Symbol des Äskulap-Stabes. Weit verbreitet auf Firmenlogos und auf Webseiten mit medizinischen Inhalten findet man einen Stab mit ein oder zwei ihn umwindenden Schlangen.
Asklepios - Vom Arzt zum Helden
Äskulap (oder Asclepius, Askläpios) gilt als Stammvater der abendländischen Medizin und mythischer Ahnherr des Asklepios-Heilkults im antiken Griechenland. Nach Inschriften in Mykenae soll Asklepios schon um 1500 v.Chr. verehrt worden sein, möglicherweise ging es dabei aber um einen Mykenischen Helden und Arzt Maleatas, der später in Epidauros in den Kult des Apollo Maleatas absorbiert wurde. Wahrscheinlich lebte Askläpios um 1260 v. Chr. und war er ein thessalischer Fürst aus Trikka (heute Trikala), der wegen seiner heilenden Fähigkeiten berühmt wurde. Homer (geb. vermutlich im 8. Jh. v. Chr. in Chios oder Smyrna) berichtet in der Ilias (geschrieben in der 2. Hälfte des 8. Jh.)
über ihn als einen unvergleichlichen Arzt ( ). Seine Söhne Machaon und Podarios nahmen als Könige von Thessalien am Krieg gegen Troja (ca. 1200 v. Chr.) teil und dienten gleichzeitig als Ärzte und Chirurgen im achäischen Heer (Homer, Ilias, 4. und 11. Gesang). Asklepios war verheiratet mit Epioné, mit der er auch fünf Töchter besaß. Möglicherweise waren die Töchter aber rein mythologische Figuren, deren Namen wichtige Prinzipien seiner Heilkunst verkörperten: Hygieia (Hygiene) und Panakeia (Allheilkräuter), Akeso (Heilung), Iaso (Erholung) und Aglaea (Gesundheit). Nach Vergils Aeneis soll Machaon auf dem Schlachtfeld von Troja gefallen sein (getötet durch Eurypylus dem Sohn von Telephus). Polidarius ging nach dem Krieg auf die Insel Kos und gründete dort eine Familie und eine medizinische Schule, die Asklipidai, aus der im 5. Jh. v. Chr. auch Hippokrates hervorgegangen sei. - Von Asklepius wird vermutet, dass nach seinem Tod in Trikka ein Ahnenkult und eine Heilstätte entstand, aus der später das erste Asklepieion wurde. Gegen Ende des 6. Jh. v. Chr. gelangte der Asklepios-Kult nach Epidaurus, wo sich schon ein Brandopfer-Altar für Apollon befand.
Vom Helden zum Gott
Zwischen dem 7. und dem 5. Jh v.Chr. (Hesiod ca. 700 v. Chr. und Pindar 520-442 v. Chr.) wird Asklepios von einem Helden zum Gott der Heilkunst. In der Mythologie wird er zum Sohn des Apollon, dem Gott des Lichts, der schönen Künste, der Weissagungen und der Heilkunst. Apoll hatte eine Affäre mit der Seenymphe Koronis, Tochter des Thessalischen Königs Phlegyas, und diese geschwängert. Koronis heiratete dann aber doch lieber einen Sterblichen, Ischys. Wütend schickte Apoll seine Schwester Artemis, um die Nymphe und Ischys zu töten. Als ihr Körper zur Bestattung verbrannt werden sollte, schickte Apollon den Götterboten Hermes, um den noch lebenden Sohn, den späteren Asklepios, ihrem Leib zu entnehmen und zum Centaur Cheiron zu bringen.
Nach einem anderen Mythos soll Phlegyas, der für seine räuberischen Kriegszüge bekannt war, mit Koronis nach Epidaurus gekommen sein, wo sie von Apollon verführt wurde und heimlich den Sohn gebar. Sie setzte das Kind aus, das aber von einer Ziege gesäugt und einem Hund bewacht wurde. Der Knabe wuchs heran und wurde vom Centaur Cheiron erzogen und in die Kunst der Chirurgie und der Anwendung von Heilkräutern eingewiesen.
Cheiron (vom griechischen "cheir" - Hand), Sohn der Philyra (einer Tochter des Okeanos), lebte in einer Höhle auf dem Berg Pelion (nahe der heutigen Stadt Vólos am Pagasäischen Golf nördlich der Insel Euböa). Anders als die sonstigen Centauren galt er nicht als wild und ungebührig sondern als gutmütig und weise, als berühmt wegen seiner Prophezeiungen und seiner heilenden Fähigkeiten. Sein großes Wissen machte Zeus Sorgen, Asklepios könnte einen Weg finden, den Tod zu überwinden. Als es Asklepios tatsächlich gelungen sei, den durch Poseidon getöteten Helden Hippolytos wiederzubeleben, strafte ihn Zeuss für diesen Frevel am Vorrecht der Götter, indem er ihn mit einem Blitz tötete. Nachdem Apollon aus Rache die blitzeschmiedenden Zyklopen tötete, besänftigte ihn Zeus indem er Asklepios wieder das Leben schenkte, allerdings in Form des Sternbildes Serpens. So wurde die Heilschlange zum magischen Tier Asklepios.
Asklepias-Kult und Heilkunst
In der Vorzeit existierte eine primitiv-magische Medizin im Spannungsfeld zwischen Magie, übernatürlichen Kräften, Dämonen und Tabus. In der archaischen Medizin des Zweistromlands, Ägyptens und des

Imhotep
vorhippokratischen Griechenlands entwickelten sich klinische Beobachtung, Entdeckung von Kausalbeziehungen zwischen Krankheitserscheinungen und Ansätze rationaler Theorien. Es entstand eine Systematik von Anamnese, Diagnose, Prognose und Therapie. Man erlernte neue chirurgische Methoden und die Verwendung von Heilkräutern und ergriff erste Maßnahmen öffentlicher Hygiene. Ein wichtiger Schritt war die schriftliche Fixierung ärztlicher Erfahrung. Trotz der Feststellung natürlicher Ursachen von Krankheiten bestehen Vorstellungen vom Einfluß der Götter und von Magie fort (letztlich bis in die heutige Medizin).
Asklepios' Ruf breitete sich nach seinem Tod über ganz Griechenland aus. Heilstätten und Medizin-Schulen, die sich auf seine Lehren stützten, entstanden wohl zunächst in seiner Heimatstadt Trikka und auf der Insel Kos, auf der sein Sohn Polidarius nach dem Trojanischen Krieg gelandet war. Asklepieen entstanden danach zunächst in Epidaurus (im 6. Jh. v. Chr.) und in den folgenden 10 Jahrhunderten an 400 verschiedenen Orten auf den Ägeischen Inseln, dem griechischen Festland, in Kleinasien, Syrien, Afrika und in Rom. Wichtige Heilstätten fanden sich in Athen, in Troizen, Knidos, Pergamon und dem ägyptischem Memphis. Hier (und nicht nur hier) findet sich eine Anlehnung an den ägyptischen Imhotep (d.h. "der in Frieden kommt"), der um 2600 v. Chr. als Hohepriester von On (Heliopolis) lebte. Imhotep, Ratgeber des Königs Djoser, gilt als Erbauer der ersten Pyramide, der Stufenpyramide von Sakkara. Sein Ruhm basierte aber eher auf seinen Erfolgen als Arzt. 525 v. Chr. wurde er zum Gott erhoben. Die Griechen erkannten in Imhotep ihren Heil-Gott Asklepios und nannten ihn Imuthes.
Zum Zentrum des Asklepios-Kults wurde schließlich Epidaurus auf dem Peloppones. Alle Asklepios-Kultstätten entstanden außerhalb besiedelter Ortschaften, an klimatisch und hygienisch günstigen Orten mit heilkräftigen Quellen.

Rekonstruktion eines Teils der Tempelanlage von Epidauros
Die Behandlungen erfolgten nach festem Ritual: kultische Reinigung, Opfer an Apoll, Heilschlaf (Inkubation) in einer Halle (Abaton, wo Asklepios den Patienten im Traum erschien), Traumdeutung durch einen Priesterarzt, der auch die Behandlung festlegte, Verabreichung von Medikamenten oder operative Maßnahmen. Zum Programm gehörten auch Heilbäder und Sport (Gymnastik). Die Heilmethoden waren großenteils psychotherapeutischer Art, Traumdeutung, Suggestion, Ruhe und persönliche Zuwendung. Die Individualität des Patienten wurde, im Gegensatz zu anderen Medizinschulen der damaligen Zeit, in den Vordergrund gestellt.

Theater von Epidauros
Auch wurde kein Unterschied gemacht zwischen arm und reich. Am Asklepion-Tempel in Athen steht: "Dies sind die Pflichten eines Arztes ... er muß in gleicher Weise ein Helfer sein für arm und reich, für Sklaven wie für Prinzen, und für alle ein Bruder. So will es Gott." Die Tempelanlage von Epidauros enthält im Zentrum den Asklepios-Tempel (s. Rekonstruktion - Mitte), in dem sich die Götterstatue des Asklepios befand, und daneben den Tholos, einen Rundbau, in dem die ungiftigen Äskulap-Nattern gehalten wurden. Epidaurus ist außerdem bekannt wegen seines Theaters. Es stammt aus dem 4. Jh. v. Chr. und bietet Platz für 14 000 Besucher und wird gerühmt wegen seiner Akustik. Es ist nicht das größte, wird aber von Pausanias als unübertrefflich hinsichtlich Ebenmaß und Schönheit beschrieben. Ferner besitzt Epidauros eine Sportstadion, in dem alle vier Jahre die sportlichen Wettkämpfe der Asklepieen stattfanden. Zu den Festspielen gehörten auch musikalische und poetische Wettkämpfe. Insgesamt waren die Spiele eine Kombination aus Sportfest, Musikwettbewerb, Bühnenfestival und Kirchentag. Das Theater wird heute wieder für Aufführungen benutzt.
Der Stab und die Schlange

Asclepios-Statue,
Rekonstruktion der
Elfenbein-Statue im
Tempel von Epidaurus

Kultstatue des Asklepios,
Römische Kopie einer
älteren griechischen Kultstatue,
Eremitage in St. Petersburg
Seit dem Ende des 5. Jh. v. Chr. wird Asklepios in Kultstatuen als bärtiger Mann mit knorrigem Stab, umringelt von einer Schlange, dargestellt. Frühe Darstellungen auf Vasen, Krügen oder Münzen zeigen die Attribute des Äskulap-Stabes - Stab und Schlange - oft unabhängig voneinander. Eine Rekonstruktion der Götterstatue in Epidaurus nach alten Münzen zeigt den Gott sitzend auf einer Art Thron, mit einem langen Stab in seiner Rechten und der Schlange neben seinem linken Fuß.
Stab:
Der Stab ist wahrscheinlich eines der ältesten Symbole der Menschheit. Als Hirtenstab zeugt er von Macht für den Träger und Schutz für die ihm Anvertrauten. Als Wander- und Pilgerstab ist er Symbol für Verteidigung und Stütze. Der Zauberstab steht für geheimes Wissen. Bischofs-, Marschallstab und Zepter sind Zeichen priesterlicher, kriegerischer oder königlicher Macht und Würde. Für die alten Akkadier konnte der Stab, aus Myrte gefertigt, Wasser aus Felsen schlagen oder Quellen heilen, so dass ihr Wasser rein wurde. Im alten Testament schlägt Aaron mit einem Stab das Wasser, dass es zu Blut wird. Die Pharaonen trugen den Krummstab als Machtinsignien. Möglicherweise war es ein Hirtenstab, der ihre Beschützerrolle symbolisierte. Im Gilgamesch-Epos mahnt Gilgamesch seinen Freund Enkidu: beim Gang in die Unterwelt "darfst in die Hand den Stab du nicht nehmen, sonst erzittern vor dir die Geister".
Schlange:

Dürer, Sündenfall
Das Schlangensymbol ist komplexer. Das schlechte Image der Schlange im Christentum hängt mit der Rolle zusammen, die die Schlange in der Schöpfungsgeschichte und bei der Vertreibung aus dem Paradies spielt. Im sumerisch-babylonischen Mythos vom Garten Eden heisst es, die Götter wären überein gekommen, der Mensch solle den Garten bebauen, pflanzen und ernten und ihnen Opfergaben bringen, damit nicht sie, die Götter, die Arbeit tun müssten. Die Götter kamen überein, dass die Menschen niemals das göttliche Geheimnis der Unsterblichkeit erfahren sollten, damit sie nicht die Götter überflügelten und für die Arbeit verdorben wären. Darum gaben die Götter den Menschen den Tod und behielten das Leben für sich. Als die Menschen aber vom Baum der Erkenntnis genossen hatten, sagte der biblische Gott zu den anderen Göttern: "Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist." Daher musste er sofort aus dem Garten vertrieben werden, "damit er nicht breche auch von dem Baum des Lebens und esse davon und lebe ewiglich" (Genesis 3. 22). In gnostischen Schriften wird die Schlange dafür gepriesen, dass sie dem Menschen gegen den Willen eines tyrannischen Gottes das Licht des Wissens um Gut und Böse gebracht habe. Man sollte bedenken, dass der Sündenfall im Christentum sehr stark auf einen sexuellen Aspekt bezogen wurde und dass die Kirche damit ziemliche Probleme hat.
Mesopotamien: "Bevor die Christen die Schlange verteufelten, hat sie im Vorderen Orient 9.000 Jahre lang als Schöpferwesen, Kulturbringer, Wettergott und Stadtgott für Recht und Ordnung gesorgt" (1 - Birgit Stöcklhuber, Magisterarbeit).

Siegel, Ziege umgeben
von einer Schlange
Quelle: Birgit Kahler
Auf den bislang frühesten Hinweis auf eine rituelle Verehrung der Schlange in Form von Steinpfeilern, die mit Schlangenreliefs verziert sind, stieß Ausgräber Professor Klaus Schmidt auf dem Göbekli, dem Grabungsort in Anatolien aus dem 9. Jahrtausend v. Chr., der derzeit als neue Wiege der Kultur Schlagzeilen macht. Im alten Mesopotamien herrschte ein dualistisches Weltbild, das bis ins 6. Jt. v.Chr. zurückverfolgt werden kann, mit einem Götterpaar aus männlicher und weiblicher Gottheit, welches als Schlangengott (An oder Enki) und Erdmutter (Inanna oder Ereschkigal) angesprochen werden kann. Der Schlangengott brachte den Sumerern das Getreide, Zivilisation und Ordnung. Zur Ordnung gehört der Jahreszyklus, der bestimmt wird durch die Schlange (Wasser) mit den Überschwemmungen, die fruchtbaren Schlamm hinterlassen, und die Erdgöttin in Gestalt einer Ziege (die Trockenzeit gilt als die fruchtbare Jahreszeit). Aus verwaltungstechnischen Gründen setzt Enki an wichtigen Orten Schlangenstadtgottheiten ein und verteilt auch sonst Gottheiten im Land, denen er jeweils eine seiner Fähigkeiten anvertraut. Nach getaner Arbeit, heißt es, waren die Frühjahrsüberschwemmungen in Sumer in Ordnung.
In Ägypten symbolisierte die Uräusschlange, eine aufgerichtete Kobra, mehrere Gottheiten (Neith, Ma'at und Re),

Uräus; Quelle:
Die Götter Ägyptens
sie war auch Symbol für Unterägypten und zierte die Stirn des Pharao als Zeichen der Macht und des Schutzes und als Bedrohung für die Feinde. - Aus den altägyptischen Totentexten ergeben sich zwei Bilder von der Schlange: ein negatives Bild, das nicht nur wegen des Gifts entstanden ist, sondern eher aus der grundsätzlichen Abneigung des Menschen gegen alles Kriechende erwächst. Daneben steht ein positives Bild, das seinen Ursprung in der Häutung der Schlange hat. Diese Häutung wird als ein Vorgang interpretiert, der mit Erneuerung bzw. Wiedergeburt verbunden ist.

Barke Ra´s geschützt von Mehen
Quelle: Le voyage de Râ
So wird in den Jenseitsvorstellungen der Verstorbene in Schlangengestalt sich verjüngend dargestellt und der Sonnengott verjüngt sich in der 12. Stunde im Leib einer Schlange. Auch in den mythologischen Texten spielt die Schlange eine Rolle. Vor der Weltschöpfung schwimmt der Urgott als Schlange im Urozean Nun, in den er auch wieder nach dem Weltende als Schlange zurückkehrt. Aus diesem Bild und wegen des Phänomens der Häutung ist die Schlange auch als Verkörperung der Zeit zu verstehen. Andererseits spielt die Schlange in verschiedenen Zusammenhängen die Rolle des Götterfeindes. Während der Nachtfahrt der Sonnenbarke Ra´s tritt ihr der schlangengestaltige Dämon Apophis entgegen, der jede Nacht besiegt und getötet werden muß. Aber auch hier kann man immer wieder die Zweiseitigkeit im Bild der Schlange beobachten. Einerseits wird der Sonnengott bei seiner Fahrt durch die Unterwelt von der Apophis-Schlange angegriffen; andererseits werden er und andere Götter durch die Schlange Mehen beschützt (Quelle: Yasser Sabek).

Schlangengöttin,
Kreta, 16.Jh.v.Chr.
Zwischen Kreta und Griechenland bestand ein enger kultureller Zusammenhang. Es bestanden auch enge Beziehungen zu Kleinasien, Ägypten und auch zu Phönizien. Von dort könnte ein älterer Kult aus Mesopotamien herüber"geschwappt" sein. Die grosse dreieinige Erdmuttergöttin, Beschützerin des Hauswesens, wird mit Schlangen in den Händen dargestellt. Die berühmte Schlangengöttin wurde in Knossos gefunden und stammt aus der Zeit um 1500 v. Chr., kurz vor dem Ausbruch des Vulkans Thera und dem folgenden Untergang des Palastes von Knossos. Sie könnte die Göttin Britomartis zeigen, die von einem Satyr verfogt wurde und von einem Kliff ins Meer sprang, wo sie von einem Fischer mit einem Netz gerettet wurde. Sie wurde unsterblich und fortan Dictynna genannt. Wahrscheinlich ist das Teil eines "chthonischen" ("chthon" = Erde) Mythos, in dem eine Frau durch Tod und Auferstehung zur unsterblichen Göttin wird. Ähnliche Statuetten wurden auch auf der alten Insel Thera, dem heutigen Santorin, und in den Ruinen von Mykenae gefunden. Die Schlange, die die Figur hält, scheint die giftige Aspisviper zu sein. Die heilige Schlange wurde ursprünglich wegen ihrer praktischen Funktion als Mäusefänger in Gärten verehrt. Man sah aber auch in ihnen den positiven und den negativen Aspekt: als Heiler, Wächter und Boten der Götter einerseits und als Strafer für Missetäter andererseits. Mit ihrer kriechenden Fortbewegung ist sie aber auch ein Symbol für Erdverbundenheit und Fruchtbarkeit. Und die sich häutende Schlange ein Symbol für Wiedergeburt und ewiges Leben. - Der Schlangengöttin haftet aber auch eine dunkle Seite an: bei Ausgrabungen auf dem Anemophilia-Hügel bei Archanis fanden sich Hinweise, dass die Erdmutter durch Menschenopfer versöhnt werden musste, wenn die Erde zu beben begann.


Demeter
mit Weizenähren und Schlangen

Griechenland: Die griechische Mythologie entwickelte sich durch kulturelle Vermischung einer alteuropäischen, matrizentrischen Urbevölkerung (Sesklo-Kultur) aus dem 6. Jahrtausend v.Chr., welche eine enge Verwandtschaft zu Bewohnern Nordafrikas hatte, mit in Wellen aus dem Donauraum einwandernden Stämmen patriarchalischer, indogermanischer Kultur (Ionier, die ersten eigentlichen Griechen, um 2000, Achäer um 1600 und Dorer um 1200). Im griechischen Pantheon mischten sich Vorstellungen früherer (Hera, Artemis) und lokaler Kulte (Athena) mit indogermanischen Göttern (Göttervater Zeus). Nach Kreta weisen Fruchtbarkeits- und Wiedergeburtsmythen einer Erdmutter-Göttin in Eleusis (Demeterkult). Schlangen wurden hier als Symbol der Hausgeister gehalten. In anderen Kultstätten ebenso wie in Privathäusern wurde Hera in Gestalt

Apollon auf dem Omphalon
als Bezwinger des Python
einer lebenden Schlange verehrt, die in einem heiligen Schrein gehalten wurde und ihr Tod galt als böses Omen.
Die Schlange Python, der Sage nach aus dem Schlamm der Erde nach der großen Flut geboren, bewachte das Orakel von Delphi, das von der Erdmutter Gaia an die Tochter Themis und dann an deren Schwester Phoibe (Leuchtende, Reine) übergeben wurde. Als Apollon aus dem Norden nach Griechenland einwanderte, tötete er mit einem Pfeil die Python und übernahm als Ablöser des Matriarchats die nun ihm dienende Schlangenpriesterin Pythia samt allen überkommenen Bräuchen, einschließlich des heiligen Nabelsteins (Omphalon), der Delphi zum Nabel der Welt machte. Er trug seitdem den Namen Phoibos Apollon. Die Blutschuld - Python war auch ein Sohn der Gaia - musste er sühnen, indem er neun Jahre beim

Athene, Kopie der Statue
des Phidias im Parthenon
König Admetos Hirtendienste leistete. Durch Einrichtung der Delphischen Spiele, den zweitwichtigsten nach denen von Olympia, versöhnte er sich später mit Gaia.
Die Göttin Athene soll aus dem Kopf des Göttervaters Zeus entsprungen sein. Sie gilt als Göttin der Weisheit, des Fleißes, des Ackerbaus, der Künste und des Handwerks, aber auch der Kriegsstrategie. Ihre Pflanze ist der Ölbaum. Abgebildet wird sie oft mit einer Eule als Symbol der Weisheit, aber auch mit Schlangen, z.B. in Form eines schlangengesäumten Umhangs oder neben ihrem Schild. Ihr Mythos ist wahrscheinlich im 2. Jt. v.Chr. aus dem der minoischen Erdmutter-Göttin entstanden. In Athen findet man Reste einer alten mykenischen Kultur (Zyklopenmauer am Niketempel). Nach griechischer Sage soll die keusche Athena sich nur mit Mühe den Annäherungen von Hephaistos erwehrt haben, der dabei aber seinen Samen auf die Erde Gaia vergoss. Der Sohn Erichthonios, der daraus entstand, sei von Athena aufgezogen und wegen seiner Verbindung zu Gaia von zwei Schlangen behütet worden (in späteren Sagen wurde er mit Schlangenfüßen beschrieben). Mit Athenes Hilfe wurde er König von Athen. Heute vermutet man, dass sich auch in diesen Mythen die Umwandlung einer matriarchalischen Kultur in eine patriarchalische manifestiert. Die lokale Gottheit Athena muss sich einerseits dem Göttervater Zeuss unterordnen, andererseits bleibt sie aber die weise Schutzgöttin für die Athener und durch die Schlange mit der chthonischen Erdmutter verbunden. Der Name "Erichthonios" soll sich vom griechischen eris = "Streit" und chthon = "Erde" ableiten und die Schlange neben Schild von Athenes Kultstatue soll ein Symbol für Erichthonius sein. Noch in geschichtlicher Zeit gab es eine heilige Schlange auf der Burg, die in einer Felsenhöhle unter dem Athena-Erechtheus-Heiligtum hauste und der man allmonatlich ein Opfer von Honigkuchen darbrachte; es galt als schlimmes Vorzeichen, wenn die Schlange das Opfer nicht annahm.
Im alten Europa und Mesopotamien repräsentiert die Schlange die Macht der Erde. Ihre Spiritualität war schon immer selbstverständlich, sie wurde verehrt, respektiert oder gefürchtet.
Man muß sich vorstellen: diese Kreatur ohne Beine erscheint plötzlich aus ihrem Versteck, einem engen Spalt oder unter einer dünnen Sandschicht hervor, als ob sie aus der Tiefe der Erde stamme, schnell und leise, und genauso verschwindet sie wieder. Besonders oft sieht man sie in kritischen Zeiten, wenn der erflehte Regen die eingesähten Felder zum Leben erweckt oder überflutende Bäche die Täler befruchten. Oder später, wenn Scharen von Mäusen und Ratten die Ernte bedrohen. Und wird die Schlange bedroht oder überrascht, zeigt sie wieder ihre wunderliche Natur: einige Schlangen, wie die Kobra, injizieren ohne einen Tropfen Blut zu vergießen, ihr Herz- oder Nervengift, so dass die Opfer still und leise einschlafen. Andere, wie die Vipern, stören mit ihrem Gift die Blutgerinnung, so dass die Opfer aus allen Körperöffnungen zu bluten beginnen, aus dem Mund, den Augen, dem Darm und der Urin wird blutig. - Auch Frauen, so sahen es unsere Vorfahren, bluten aus dem Genitale. Teilen sie ein Geheimnis mit den Schlangen? Ist die Menstruation der Frau ebenso wie die tödliche Blutung eines Mannes Ausdruck göttlichen Zorns? Und warum können nur Frauen, die bluten, Kinder gebären? Plinius der Ältere glaubte, dass Frauen während der Menstruation die Ernte verderben, Früchte faulen, Tiere zur Fehlgeburt bringen und den Wein sauer werden ließen.


Aeskulapnatter
beim Häuten

Ein noch sicherer Beweis für die Göttlichgeit der Schlange war ihre scheinbare Unsterblichkeit. Wie alle Tiere werden sie müde, die Haut grau, rissig und faltig und die Augen trübe. Und wenn es scheinbar dem Ende zu geht, schlüpfen sie aus ihrer Haut und werden verjüngt, munter und aktiv - ein Symbol für Tod und Wiedergeburt. Griechen nannten die abgelegte Haut der Schlangen Geras (Altersschwäche).

schwarz-weisse Kobra
Quelle: Ralf Rebmann
Schlangen schienen auch keinen Schlaf zu brauchen: sie schließt ihre Augen nicht. Statt durch Lider werden die Augen nur durch eine transparente Haut geschützt, die bei der Häutung ebenfalls abgestoßen wird. Und weil sie immer wach seien, vermutete man bei Schlangen Kenntnis und Weisheit und auch seherische Fähigkeiten und das Wissen um die Mysterien von Tod und Leben. Schlangen galten auch als Symbol des Phallus und der Zeugung. In den Phrygischen Mysterien des Sabezius (Dionysus) begingen Mädchen eine rituelle Hochzeit mit lebenden Schlangen oder goldenen Repliken, indem sie diese zwischen Brüste und Schenkel hielten. Viele Ärzte der damaligen Zeit, auch Asklepios, wurden von Frauen aufgesucht, um sie von Unfruchtbarkeit zu heilen, die nicht nur als Ausdruck göttlichen Zorns oder als Schande empfunden wurde sondern auch zu wirtschaftlicher Not im Alter führte.

Wie kam Äskulap nun zu seinem Schlangenstab?
Bis heute hat das noch niemand überzeugend erklärt. Schon Homer nannte den Asklepios bei seinem Namen. Im

Apollon mit Schlange
Altthrakischen bedeutet "as" = die Schlange und "klepi" = etwas umwinden. Möglicherweise war schon zu Homers Zeiten die Verbindung zwischen Schlange und Heilkunst selbstverständlich. Hesiod betrachtet Thessalien als Asklepios´ Herkunftsland, wo er in einer unterirdischen Spalte mit einer Schlange und einem Hund lebte - die erste bestätigte Beziehung zwischen Asklepios und Schlange. Irgendwann in den Zeiten zwischen Hesiod und Pindar, zwischen 7. und 5. Jh. v. Chr., hatte jedenfalls der Asklepios Kult in Epidauros den Maleatas-Kult aus mykenischer Zeit überwuchert und den Kult des Apollo Maleatas an den Rand gedrängt. Auch Apollon wird oft mit Schlange dargestellt, meistens als Symbol für die Heilkunst. Die seltenen Darstellungen mit der getöteten Pytho stammen aus viel späterer Zeit. Ob sich Epidauros zufällig als wichtigstes Heiligtum des Asklepioskults entwickelt hatte, darf wohl bezweifelt werden. Schließlich wurden später auch andere Mythen um die Geburt des Asklepios propagiert, die einen engeren Bezug zu Epidaurus schaffen sollten, so dass man eher auf Promotion tippen muß. Damalige Werbestrategen hatten eine komplizierte Aufgabe zu lösen: Etablierung des Asklepioskults, Verdrängung eines alten mykenischen bzw. des Apollo Maleatas Kults und Durchsetzung einer Kultfigur aus dem nördlichen Griechenland (Thessalien) in einer Bevölkerung, die teilweise alten chthonischen Traditionen verhaftet war (ähnlich wie Apollon in Delphi). Die Schlange diente dabei mehreren Zwecken: Symbol für die Klugheit (Athene) und Wahrsagekunst (Apoll), für Fruchtbarkeit (Demeter) und vor allem wohl als uraltes Symbol für ewige Jugend. Sie schafft aber auch eine Verbindung zwischen neuer,

Äskulapnatter
patriarchalischer Ordnung und alter, matriarchalischer Tradition. Zu dieser Zeit erscheinen Berichte, Abbildungen auf Münzen und Kopien von Kultstatuen des Asklepios, in denen er mit Schlangen bzw. dem

Schlangenbad - Wappen
Schlangenstab abgebildet ist. Um das zu unterstützen, wurden in den Kultstätten des Asklepios auch zahme Schlangen gehalten (Äskulapnatter, Elaphe longissima). Es sind ungiftige, grüne Baumnattern, die sich langsam bewegen und daher weniger furchterregend wirken. Sie sind in warmen Gegenden Südeuropas beheimatet und wurden von den Römern mit dem Asklepios-Kult später auch in anderen römischen Kolonien wie Germanien und Britannien verbreitet. In Deutschland fanden sie in einigen wärmeren Gegenden wie am untereren Inn, im Salzachgebiet, der Umgebung von Passau, im Taunus und Odenwald ökologische Nischen. Auch in Wales sollen verwilderte Äskulapnattern gefunden worden sein. Wahrscheinlich sind die aber erst in jüngster Zei aus Zoos entlaufen.
 
Hermes und der Caduceus

Herme von der Insel Siphnos,
um 510, National- museum in Athen
Von den griechischen Göttern,

Widdertragender Hermes,
Bronze, ca. 525 v.Chr.,
Boston, Museum of Fine Arts
die mit Schlangen und Stab dargestellt werden, fehlt noch Hermes, der Götterbote. - In seiner klassischen Form leitet er sich wahrscheinlich von einem prähellenischen, minoischen Fruchtbarkeitsgott ab, der auf Berggipfeln verehrt wurde und einen Stab aus frischem Holz, geschmückt mit Olivenblättern, trug. Sein Kult war in Arkadien weit verbreitet, vorwiegend als Beschützer von Rindern und Schafen sowie als Fruchtbarkeitsgott.
Eine plausible Ableitung seines griechischen Namens Hermeias oder Hermes ist mit dem Wort "herma" = Stein verbunden, und Steinhaufen (Hermen) am Wege waren ihm heilig. Es ist aber auch möglich, dass Hermes von den Arkadiern bei ihrer Ankunft schon vorgefunden wurde und der Name gar keine griechische Herkunft besitzt. Wie in vielen anderen Ländern markierten Steine oder Steinhaufen an den Wegrändern heilige Orte, an denen freundliche oder böse Geister hausten (noch heute als "Manderln" in den Alpen zur Wegemarkierung gebräuchlich). Als Wegegott war er der Geleiter von Wanderern und Kaufleuten, auch der von reisenden Seelen auf dem Weg in die Unterwelt (Psychopompos). Die häufigsten Hermes-Monumente sind daher gar keine Statuen sondern Steinsäulen an den Wegen mit einem menschlichen Kopf und einem Phallus, was wieder die Verbindung zum Fruchtbarkeitskult aufzeigt. In Homers Ilias wird meistens sein ländlicher Charakter dargestellt, oft in Verbindung mit Pan und mit Nymphen.

Apollon sucht Hermes in seiner Höhle auf,
links die versteckten Rinder, rechts Hermes wieder
in der Wiege; um 530 v.Chr. / Paris, Louvre
In der griechischen Mythologie wurde er auf dem Kyllenegebirge in Arkadien als Sohn des Zeus und der Nymphe Maja geboren. Noch am Tag seiner Geburt stahl er seinem Bruder Apollon 50 Rinder, die jener im Auftrag von König Admetos in Thessalien hüten musste. Vom tobenden Apoll vor den Olymp geschleppt, befahl ihm der belustigte Zeus das gestohlene Vieh zurückzugeben. Statt dessen betörte Hermes den Apoll mit dem Spiel seiner selbst erfundenen Lyra und überredete ihn, statt der Rinder diese Lyra zu nehmen. Obendrein erhielt er von Apoll auch noch einen goldenen Zauberstab ( = rhabdos chryseie), der den Schlaf schickt, auch den ewigen Schlaf, und der alles, was er berührt, zu Gold verwandeln kann.

Hermes, Flügel an den Füßen,
Reisehut und Kerykeion,
Lekythos, um 460 v. Chr., Boston
Wegen seiner Schlagfertigkeit und Rhetorik,

Hermes mit Rindern,
Macedonien, 520-500 v. Chr.;
Bibliothéque Nationale, Paris
aber auch wegen der List und Verschlagenheit und wegen seines gewinnenden Charmes wurde er von Zeuss zum Götterboten, zum Herold bestimmt (griechisch = keryx, indoeuropäischer Wortstamm = keryk- für Klarheit der Stimme eines Sprechers). So erscheint er auch meistens in der Odyssee. Er wird zum Gott der Herolde und der Redekunst, zum Beschützer des Friedens und zum Glücksgott für den Einzelnen. Wegen seiner Tricksereien wurde er auch zum Gott der Diebe und Betrüger, Gott des Handels und Marktes, wobei keine dieser Tätigkeiten besonders hohe Wertschätzung im landwirtschaftlich beherrschten Griechenland genoss. Ferner wurde er zum Gott des Denkens und so Schutzgott der Schulen. Sein Hauptattribut ist neben den Flügelschuhen und dem breitkrempigen, schattengebenden Reisehut (an dem später auch oft Flügel erscheinen) der Heroldstab (griechisch-dorisch κηρúκειον = kerykeion, bei Homer auch: kerykeion skeptron).
In frühen Zeiten soll dieser Stab eher als Rute dargestellt worden sein, bestehend aus einem Öl- oder Lorbeerzweig mit zwei verknoteten Spitzen,

Hermesstab im archaischen und klassischen Griechenland
ähnlich wie die Wünschelrute aus deutschen Sagen (leider sind solche Abbildungen im WWW nicht aufzutreiben). Später seien in den Zweig zwei weiße Bänder oder Girlanden geflochten worden (leider auch keine Bilder auffindbar), die

Bronze-Kerykeion
Nationalmuseum von Palermo
noch später als zwei Schlangen interpretiert worden seien. Auf Vasenbildern und Münzen findet man meistens einen dünnen Stab (Rute) mit Kreis am Ende und einem darübergesetzten Halbkreis (oder Halbmond). Die gleiche Form soll auch bei Phöniziern und Hethitern zu finden sein und möglicherweise eine Kombination aus Sonne und Halbmond darstellen. Eine assyrische Militärstandarte soll wiederum als Vorbild gedient haben. Und in noch früherer Zeit soll das Symbol von Sonne und Halbmond in Indien als "Trisula" existiert haben. Bei Alchimisten und Astrologen steht das Symbol bis heute

alchimistisches
Zeichen für
Mercurius
für "Mercurius" (Quecksilber) und den Planeten Merkur. Eine der frühesten Darstellungen, bei denen sich zwei Schlangenköpfe am Hermesstab finden, ist ein Bronze-Caduceus aus dem 5. Jh.v.Chr. im Nationalmuseum von Palermo. Auch hier besteht der Caduceus im Wesentlichen aus einem Kreis mit Halbreis auf dem Stab, nur dass die Enden des Halbkreises als Schlangenköpfe dargestellt sind. Aber Schlangenköpfe am Caduceus waren zu jener und auch zu römischer Zeit eher selten. Die früheste Darstellung von Flügeln am Stab des Hermes wird an einer Statue aus dem 1. Jh nach Chr. berichtet (Friedlander). Flügel am Caduceus waren in dieser Zeit aber eher unüblich. Regelmäßig findet man Flügel und Schlangen am Caduceus erst seit 15. oder 16. Jahrhundert.

Ibisköpfiger Thot
Faulkner: Buch der Toten
Durch Kontakte zwischen griechischer und ägyptischer Kultur, spätestens seit der Eroberung Ägyptens durch Alexander den Großen, entwickelte sich eine Verknüpfung des griechischen Hermes mit dem Ägyptischen Gott Thot. Oft als als Pavian oder Ibis dargestellt, galt Thot als Erfinder der Zeitrechnung, der Schrift und der Wissenschaften, insbesondere der Mathematik und Astronomie, und war der Gott der Gesetze, der Weisheit, der Magie, der Weissagung und der heiligen Bücher. Er diente als Schreiber und Protokollführer der Götter und notiete das Urteil, wenn die Seelen der Verstorbenen in der Unterwelt gegen die Feder der Wahrheit (Maat) aufgewogen wurden. Er übermittelte auch die Entscheidungen der Götter und wurde vielleicht deswegen von den Griechen dem Hermes gleichgesetzt.


Ningizzida-Becher aus Lagasch,
2025 v.Chr., Louvre, Paris
Wie und weshalb Hermes - von den Römern auch mit ihrem Gott Mercurius gleichgesetzt - dann zu den beiden Schlangen an seinem Stab kam, ist nicht ganz klar. Jedenfalls soll es von den Ägyptern eine Verbindung zur sumerischen Schlangengöttin Ningizzida gegeben haben. Auf einem Becher aus der Zeit um 2000 v. Chr. sind zwei sich um einen Stab windende Schlangen dargestellt, die als kopulierende Vipern beschrieben werden. Man sagt, Ningizzida sei identisch mit dem Gott Babu, und der wiederum identisch mit dem griechischen Hermes. Ningizzida wird aber auch mit der Göttin Ishtar gleichgesetzt und die sei wiederum mit der griechischen Göttin Aphrodite identisch, die ebenfalls einen Caduceus tragen solle. Weitere Studien werden notwendig sein und manchmal wird es beim Autor oder dem Leser liegen, zu entscheiden. Die verschlungenen Schlangen deuten auf die indische Kundalini hin, die - als innere weibliche Seele der Menschen - sich schlangenhaft zusammengerollt im Becken befinde und durch richtige Yoga-Praxis dazu gebracht werden solle, sich zu entrollen, zum Kopf hin aufzusteigen und so Erleuchtung zu bringen.

Merkur, ca. 1580
spätmanieristische
Bronzestatue von
Giovanni da Bologna
Ägypten galt als Heimat uralten Wissens. Platon, Plutarch und Herodot sollen in Ägypten Studien betrieben, Pythagoras sogar die Priesterweihe empfangen haben,

Hermes Trigmegistos
aus: Historia Deorum Fatidicorum
die zur Erlernung der tiefsten Geheimnisse notwendig war. Die Griechen nannten die ägyptisch-griechischen Wahrheiten "hermetisch". Das arabische Wort Al-Khemeia bedeutet "Stoff aus Ägypten" (im griechischen bedeutet aber auch chemeia = "Lehre vom Feuchten"). Aus heutiger Sicht ist es nicht ganz leicht nachzuvollziehen, aber damals waren Naturwissenschaften, Philosophie und Religion noch Eins. Transmutationen (Verwandlungen) sind eine Alltagserfahrung. Man sah sie nicht nur bei chemischen Umwandlungen oder der Behandlung von Metallen, sondern ebenso bei der Verwandlung einer Raupe in einen Schmetterling, beim Aufblühen einer Knospe in eine Blüte oder beim Schmelzen von Schnee zu Wasser. Damit verbunden war die Vorstellung, dass ein Samenkorn erst vergehen müsse, bevor neues Leben daraus entsteht. So, wie ein Tag vorübergehen muss, damit ein neuer beginnt, wurde der Tod als Vorbedingung für neues Leben gesehen. So kam Hermes Trismegistos, der Dreimalgroße Hermes, in die Mythologie der Völker. Er gilt als Ahnherr der Magie, Astrologie, der Alchimie und der Gnosis, die im Grenzbereich zwischen Mystik und Naturwissenschaft angesiedelt sind.
Seit dieser Zeit findet man Hermes-Abbildungen in zwei verschiedenen Gestalten: einerseits einen eher jugendlichen, meist bartlosen Hermes, mit schöner Gestalt und freundlichem Gesicht, andererseits einen Hermes Trismegistos als bärtigen Mann, oft mit einem spitzen Hut.

 
Äskulapstab oder Caduceus
Das Symbol, mit dem sich Ärzte auf die Tradition der abendländischen Medizin berufen, ist ohne Zweifel der Stab des griechischen Heilgottes Asklepios. Auf ihn beruft sich auch, wer noch den Eid des Hippokrates ablegt: "Ich schwöre bei Apollon dem Arzt und bei Asklepios, Hygieia und Panakeia sowie unter Anrufung aller Götter und Göttinnen als Zeugen ...".

Verlegerzeichen mit Caduceus (1516)
aus: Historia Deorum Fatidicorum
Der Caduceus des Hermes hatte bei den Griechen vielfältige Bedeutung. Ursprünglich ein Zauberstab, galt er aber dann vorwiegend als Symbol des Herolds und als Friedenssymbol. Nach einer Legende fand Hermes einmal zwei Schlangen in heftigem Kampfe ineinander verschlungen. Mit einem Olivenzweig trennte er die Kämpfenden, und zum Dank dafür umschlangen sie den Stab friedlich und wandten sich in Liebe einander zu. Hermes mit seinem Symbol galt fortan als Friedensstifter. Dies ist die positivste Bedeutung, die der Hermesstab erlangt hat. Bei den Römern galt er neben dem Friedenszeichen auch als Symbol für Handel und Verkehr. In Rom feierten die Kaufleute am 15. Mai ein Fest zu seinen Ehren. Dabei besprengten sie sich mit Wasser, um "sich damit von den Meineiden zu reinigen, die sie in ihrem Handel und Wandel bis dahin begangen hatten".
Als Grund für die Verwendung als ärztliches Symbol wird berichtet, dass dieses Symbol früher als Drucker- oder Verlegerzeichen verwendet wurde. Johannes Froben, Verleger in Basel seit 1494, verwendete erstmals 1516 einen Caduceus in seinem Zeichen, welches von Hans Holbein dem jüngeren entworfen worden war. Das Buch hatte aber keinen medizinischen Inhalt. Später fanden sich Caduceui auch bei anderen Verlegern, teilweise auch in medizinischen Büchern. John Churchill in London, ein Verleger speziell medizinischer Bücher, verwendete einen Caduceus in seinem Zeichen, aber erst nach 1838. Konfusion entstand aber wohl erst, als in einer Übersetzung von Tempest´s "Iconologia" ins Englische eine Abbildung des Äskulapstabs irrtümlich als "Caduceus" übersetzt wurde. Seitdem häuften sich im englischen Sprachraum Verwechselungen sowohl der Bezeichnung
als auch des Symbols. Der wichtigste Grund für die heutige Verbreitung des Caduceus als (vermeintlich) ärztliches Symbol ist aber wohl die Einführung als offizielles Symbol des U.S. Army Medical Corps im Jahr 1902. Wegen der eleganteren und symmetrischen Form des Caduceus fand dieses Zeichen willige Zustimmung unter den Militärs. Es wurde gleichzeitig als Friedenszeichen betrachtet. Und wenn damit ärztliche Hilfe auch für verwundete Gegner gemeint sein sollte, ist das sicherlich als positiv zu bewerten.
Heute werden Äskulapstab und der Caduceus von Hermes oder Merkur als Logos von Pharma- und Biotechfirmen, Kliniken, Ärzten, sonstigen Heilberuflern, von medizinischen Einrichtungen und Organisationen nebeneinander verwendet.
"Polarity-Therapie", Raphael Schenker (Zürich)

MedMal Consulting of Michigan
Nach einer U.S.-Studie von 1992 (Friedlander) benutzen aber 62% ärztlicher Berufsorganisationen den Äskulapstab und 76% kommerzieller Organisationen den Caduceus. Vielleicht wird diese Unterscheidung den unterschiedlichen Aspekten ganz gut gerecht. In Europa hingegen ist die Verwendung des Caduceus durch Ärzte oder medizinische Einrichtungen eher noch die Ausnahme, obwohl auch hier die Trennung zu verschwinden beginnt. Gelegentlich hat man den Eindruck, dass die Verwendung des Caduceus als Logo von Arztpraxen oder Kliniken die wahren Interessen des Trägers enttarnt. So zeigt die Abbildung links ein Angebot aus der Schweiz, rechts das Logo einer interessanten Website einer Anwaltskanzlei in Michigan / USA, spezialisiert auf ärztliche Kunstfehler - das Hermes-Symbol hier in einer völlig neuen, aber nicht ganz unlogischen Bedeutung.

Verschiedene Logos (v.l.n.r.): Universität Ulm, Caduceus Lehrinstitut für Naturheilkunde & Psychotherapie, Association of Anaesthesiologists of Malta, Sanitätsdienst der Bundeswehr, World Health Organization, Ärztekammer Schleswig-Holstein, Nuklearmedizin FU-Berlin.
 

Quellen

The Golden Wand of Medicine, A History of the Caduceus Symbol in Medicine. Walter J. Friedlander; Greenwood Press.
Kerenyi C. Asklepios. Archetypal image of the physician's existence. In: Manheim R, ed. Bollingen Series LXV 3. Pantheon Books; 1956:17.
Yasser Sabek: Die Schlange und ihre Verehrung in Ägypten in pharaonischer und moderner Zeit
Tópicos Selecionados de História da Medicina e Linguagem Médica: O Símbolo da Medicina: Tradição e Heresia
Gottwein - Homepage: Homer - Ilias: 4. Gesang und 11. Gesang
  Epidauros
Epochen der politischen und kulturellen Entwicklung Griechenlands
Kleines Lexikon der Mythologie
Online Medieval and Classical Library Release: Hesiod, the Homeric Hymns and Homerica
Richard Pflaum Verlag: Das antike Asklepios-Heiligtum in Epidauros aus der Sicht moderner Rehabilitationskonzepte
Geschichte der Medizin - Ciba Zeitschriften 1933 - 1952: Wie die Schlange zum Symbol der Medizin wurde
Neil Greenberg: The Transformation of the Serpent
Das schwarze Netz: Die Schlange
Zentrum technosophischer Forschung: Hermes
David Little: The Legend of Asclepius
Northvegr: The caduceus
Perseusimage: Vasenmalereien
The San Diego Paramedics: "The Golden Wand of Medicine"
Texte zur Wirtschaft: Und ewig glaubt die Menschheit
Pharao und Co: Die Götter Ägyptens
Orient-Shop: Imhotep
Studienfahrt Griechenland: Epidauros
Apollon der Poet
Magisterarbeit, LMU-München, 1999 (Birgit Kahler): Ergebnisse der Magisterarbeit über Schlangensymbolik im Vorderen Orient
Ancient Greek Pantheon of Gods: Cult of Asklepios
Religion et Mythologie Egyptiennes: Le voyage de Râ
Revista El Mercurio: El Mercurio - 'Demeter & Kore'
Die philosophische Hermetik: Der Mythos von Hermes
Latein-Forum: Von Zeus zu Europa
Le web de la distanciation: A propos de Caducée
Ellie Crystal´s Metaphysical and Science Website: Of Myths Magic and Metaphors